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Seitensprünge - Deutsch-deutsche Scheinehen

D | 1998 | Dokumentarfilm | 45 min | DVCPro50 16:9

Kurzinfo

Synopsis

Mit dem Begriff der »SCHEINEHE« assoziiert man normalerweise den "Trauschein gegen Geld", um einem anderen das Aufenthaltsrecht zu ermöglichen; Liebe ist keine im Spiel oder sie kommt unverhofft. Von solchen Scheinheiraten profitierten auch viele DDR-Bürger, die vor der Wende durch die Ehe mit Partnern aus dem Westen ihre Ausreise aus der sozialistischen Heimat bewerkstelligen konnten. Unter dem Deckmantel der Familienzusammenführung war diese Möglichkeit das einzige Nadelöhr, wenn man nicht den lebensgefährlichen Sprung über die Mauer riskieren oder auf oftmals dubiose Fluchthelferorganisationen zurückgreifen wollte. Auch wenn die politischen Motive des "Seitenwechsels" oftmals unverkennbar waren, so war es der Staatsmacht doch lieber, auf ihre humanistische Seite hin angesprochen zu werden, als politisch begründete Ausreiseanträge zu bearbeiten, die sich offen gegen das System stellten. Schon aus Rache oder um ein Exempel zu statuieren, wurden diese Antragsteller vielfältigen Repressalien ausgesetzt und systematisch in die Isolation betrieben; die Bearbeitung erfolgte willkürlich, die Befürwortung dauerte oftmals Jahre. So erschien den Ausreisewilligen die Ehe mit einem Westler oft als die einzige Chance, das Land »legal« auf Grundlage des "Helsinki- Abkommens" zu verlassen – wenn auch diese Methode in der Regel wenigstens ein Jahr an Bearbeitungszeit in Anspruch nahm. Getreu dem Motto »die Liebe ist eine Himmelsmacht, die sich nicht um Grenzen schert«, gaben sich unter dem obligatorischen Portrait von Erich Honecker hunderte deutsch-deutscher Hochzeitspaare zwischen 1970 und 1989 das Ja-Wort zum Ziele einer reinen Zweckehe. Gerade gegen Ende der DDR wurde die "Trauschein-Ausreise" zu einem vielgenutzten Instrument junger Leute der lähmenden Tristesse des Systems zu entkommen. Die Motive waren vielfältiger Natur: Opposition, Karriere oder schlicht Konsumwünsche. Einen heiratswilligen Westler zu finden, war nicht einfach und führte zu den sonderbarsten Anbahnungsversuchungen. Gerade Frauen aus dem Osten hatten aber oft Befürchtungen, daß sich hinter der "Nächstenliebe" der Männer aus dem Westen Liebesmotive verbargen und hegten Ängste, daß diese den Status der Ehe ausgenutzen könnten. Dies verkomplizierte viele Beziehungen erheblich, zumal ja vor den Augen der allgegenwärtigen Staatssicherheit unbedingt "Romeo und Julia" gespielt werden mußte, um den Plan nicht schon vorher zu verraten. Was sich bis heute an Unterschieden und Befindlichkeiten zwischen Ost und West noch in das Jahr zehn nach der Wende zieht, prallte seinerzeit unvermittelt und ungeübt aufeinander. Die Pseudo-Ehe wurde oftmals zum Boxring deutsch-deutscher Konflikte. Drei der Beispiele des Films: Daniela, Krankenschwester in der Dialyseabteilung der Ostberliner Charité lernte ihren westlichen Gatten Peter 1987 durch die Arbeit auf der Station kennen. Der Vertreter eines westdeutschen Herstellers für Medizinaltechnik kam regelmäßig in die Krankenhäuser der DDR. Wenige Monate später wurden Krankenschwester und Vertreter handelseinig. Gegen die Zahlung von 25.000 DM - fällig nach der geglückten Ausreise in den Westen - entschloß sich Peter G. zum Heiratsantrag. Auch hier wurde die Beziehung generalstabsmäßig durchinszeniert, um nicht den Argwohn staatlicher Organe hervorzurufen. Doch der Mann aus dem Westen hatte sich in die Krankenschwester verliebt und hegte plötzlich Erwartungen, die Daniela nicht erfüllen wollte. Danielas Ausreise erfolgte im Herbst 1989. Ihren Ehemann hat sie nur noch wenige Male gesehen, die Scheidung erfolgte unmittelbar nach der Übersiedlung. Das Geld hat sie natürlich bezahlt, auch wenn es ihr nicht leichtgefallen ist. Veronika wurden als Pastorentochter in der DDR alle Steine in den Weg gelegt. Ihr Studienwunsch Psychologie wurde drei Jahre grundsätzlich abgelehnt, obwohl sie als sogenannte "Praxisbewerberin" in der Psychiatrie arbeitete. In ihren Akten wird sie als rebellisch und unangepaßt bezeichnet; sie hatte nur das Gefühl ehrlich gewesen zu sein und fühlte, daß sie schon in jungen Jahren in ihrem Heimatland am Ende war. Über Kontakte nach Westberlin fand sie Markus, der einwilligte, eine Scheinehe mit ihr einzugehen. Auch hier war es wichtig, eine "Legende" zu bauen, um den Antrag plausibel zu untermauern. Besonderes Problem bei dieser Ehe: Veronika hatte einen Freund in Ostberlin, der ebenfalls über Heirat mit einer Westfrau die Ausreise probierte und Markus, mit dem sie eine Scheinehe eingehen wollte, liebte im Osten eine andere. Die Stasi hat diesen Reigen echter und unechter Gefühle glücklicherweise nur zum Teil durchschaut, denn am Ende fanden sich alle Beteiligten im Westen wiedervereint. Catarina, Journalistin beim "Morgen" in Ostberlin, hielt den Zwiespalt zwischen sozialistischen Träumen und der ungeschönten DDR-Realität nicht mehr aus. Sie hatte keine Lust durch den Umgang mit den zugelassenen "Varianten der Wahrheit" langsam immer beschränkter und immer zynischer zu werden. Bekannte aus dem Westen arrangierten ein Treffen mit Adrian, einem jungen Engländer, der seit mehreren Jahren in Westberlin wohnte. Adrian willigte in die Scheinehe ein, und im Laufe der folgenden Monate trafen sie sich regelmäßig in Ostberlin und führten ein gemeinsames Teilzeitleben. Bei ihren Treffen und dem Inszenieren ihrer Beziehung fühlten sie sich oft sogar an Caféhaustischen von anderen Gästen beobachtet, man wurde auch unruhig, wenn man spürte, daß jemand in der Abwesenheit in Catarinas Wohnung gewesen war. Catarina und Adrian verfingen sich im Laufe der Zeit in der selbstgestellten Falle ihres Theaterspiels mit der Liebe. Aus Schein wurde Zuneigung und eine "echte Ehe", die allerdings nach drei Jahren wieder gescheiden wurde. Beide haben Schein und Sein nie richtig auseinanderhalten können. Im Film wirken weiterhin offizielle Vertreter beider deutscher Seiten mit, die mit ihren Einlassungen für den historischen Hintergrund sorgen: + Winfried Sühlo, langjähriger Mitarbeiter der "Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR". + Gerhard Niebling, Generalmajor der Staatssicherheit und langjähriger Leiter der „Zentralen Koordinierungsgruppe Ausreise“ in der DDR + Dr. J. Maaz, Diakonie Halle, Psychoanalytiker und Forscher zum Thema "Persönlichkeitsdeformation in der DDR" Die Interviews mit den Beteiligten werden im Film mit Spielfilm- und Dokumentarfilm- und Heimfilmausschnitten aus der DDR vermischt und collagiert. Das Leben und der Alltag in der DDR und die Ehe als eine "heilige" Institution für die sozialistische Menschengemeinschaft sollen in diesen Ausschnitten dokumentiert werden. Aus der Verflechtung unterschiedlicher Materialien und verschiedener Handlungsebenen ergibt sich ein intensives Bild der Geschichten der einzelnen Protagonisten.

Stab

Angaben zum Stab
Regie Cornelia Klauß, Gunter Hanfgarn
Kamera Martin Baer
Schnitt Ulrich Sackenreuter
Ton Tanja Schotola
Kurzinfo Cornelia Klauß, Gunter Hanfgarn
Redaktion Hannelore Schäfer
Produktion Gunter Hanfgarn
Sender NDR
Mitwirkende Meike Goldmann, Markus Frank, Adrian Kennedy, Daniela Kern,Catarina Bannier, Veronica Frank, Winfried Sühlo, Wolfgang Schnur, Gerhard Niebling, Hans-Joachim Maaz

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