Filme
Zurück zur Übersicht

Zwischen den Heimaten

D | 1996 | Dokumentarfilm | 30 min | Beta SP 4:3

Kurzinfo

Dokumentation über Heinrich Bölls zweite Heimat in West-Irland.

Synopsis

"Am Kaminfeuer kann man hier die europäische Schule schwänzen, während Moskau seit vier, Berlin seit zwei, selbst Dublin schon seit einer halben Stunde im Dunkeln liegt: heller Schein liegt noch über der See, und der Atlantik trägt beharrlich Scholle um Scholle vom westlichen Vorwerk Europas weg; Geröll fällt ins Meer, lautlos tragen die Moorbäche dunkle europäische Erde in den Atlantik hinaus...". Wir befinden uns in einer der äußersten Ecken unseres Kontinents, der Provinz Mayo im Nordwesten Irlands. Die Küste ist rauh und zerklüftet. Es gibt viele kleine Inseln. Heinrich Böll kommt 1954 zum ersten Mal nach Irland; durch einen Bekannten wird er auf die Insel Achill aufmerksam. Ab 1955 kommt die Familie jedes Jahr für mehrere Monate hierher. Achill Island ist mit dem irischen Festland durch eine Drehbrücke verbunden. Die Landschaft scheint fast nur aus tiefgrünen Weiden, grasenden Schafen und leuchtendem Stechginster zu bestehen. Direkt an der Atlantikküste ducken sich kleine Cottages im Wind. Das Inseldorf Dugort liegt in einer wilden Landschaft: Moore und bitter duftende Torfgruben, steile Klippen und lange Sandstrände; Traum einer ursprünglichen Landschaft. Doch jedes zweite Haus steht leer. Die Menschen hier wandern seit über 150 Jahren aus, denn viele Hungersnöte haben Irland mit eisernen Rechen durchzogen; sprichwörtlich sind »Regenwasser und Kartoffeln« über Jahrzehnte einzige Nahrungsmittel. Mißernten bringen hundertausend-fachen Tod. Die Menschen Irlands haben als einziges Volk Europas niemals kriegerische Feldzüge in andere Länder unternommen; als Auswanderer haben sie die ganze Welt erobert. Böll schreibt über das irische Auswandern, daß es sei, "wie eine Angewohnheit, wie eine selbstverständliche Pflicht, die man einfach erfüllt". Hinter der Gischt, die vom schäumenden Meer her auf das Land weht und den Blick in die Ferne verhängt, kommt erst tausende von Kilometern weiter wieder fester Boden. Amerika. Achill Island ist durch das "Irische Tagebuch" von Heinrich Böll in die Literaturgeschichte eingegangen; das Irlandbild vieler Menschen wurde und wird durch dieses Buch nachhaltig geprägt. Irland hat sich seit diesen Tagen gewandelt, doch noch immer ist das Buch ein guter Wegbegleiter, weil Heinrich Böll die markanten Eigenheiten unserer westlichsten Nachbarn treffend und mit wahrer Begeisterung eingefangen hat. Wir wollen uns auf die Spur des bekanntesten deutschen Autors und Nobelpreisträgers begeben, dessen Tod in diesem Jahr ein Jahrzehnt zurückliegt. Der Film ist die Suche nach den Menschen, nach Landschaften und Eigenartigkeiten, und nach den Orten, die Böll in seinem Buch beschrieben hat. Man wird sie oft nicht mehr so vorfinden, wie er sie einst gesehen hat, doch es gibt etwas wie eine Melodie, eine innere Struktur der Dinge, eine Art zu sein, zu leben, zu denken, in der man jene Momente entdecken kann, die den deutschen Autor vor etwas über 40 Jahren fasziniert und eingenommen haben. Diese Suche ist ein Abenteuer, denn..."es gibt dieses Irland: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor". Diese denkwürdige »Gebrauchs-anweisung« schreibt Böll den Lesern seines "Irischen Tagebuches" noch vor das erste Kapitel. Vom » neuen Deutschland« ist Böll verwirrt, er wandelt sich zu einem traurigen Moralisten. Im Gegensatz zur schmerzlich empfundenen konservativen Enge eines Nachkriegsdeutschlands erlebt er in Irland eine unbekannte und erfrischende Freundlichkeit und Wärme. "Mitte der 50er Jahre bin ich nach Irland geflohen. Ja, es war eine Flucht", schreibt Böll 1978. Im entlegensten Zipfel Europas findet er vollkommene Ruhe zum Schreiben. Eine Welt ohne Anfeindungen und Ärger, eine Welt ohne Verleger und Telefon. Eine grandiose Landschaft, die ihn in ihren Bann nimmt, und eine neue Welle schöpferischer Kraft. Der ganzen Familie gefällt das einfache Landleben. Doch in seinen Gedanken bleibt der Autor in Deutschland. Denn über sein Tagebuch sagt Böll auch: "Im Bilde des Auslands wird die Heimat getroffen, das Gegenbild ist gemeint." Wie sein Rezensent Rolf Becker 1957 im "Kölner Stadtanzeiger" schreibt, ist Bölls Buch insgeheim ein Buch über Deutschland. Sein Irlandaufenthalt wird für ihn zu einem in der Ferne gelebten Ausbleiben. In dieser Anfangszeit entsteht neben anderen Werken auch sein "Irisches Tagebuch". Böll ist äußerlich einer neuen Heimat angelangt, für die er von Anbeginn einen starken Enthusiasmus empfindet. "Acht Stunden später schon wurde mir von einem deutschen Landsmann kategorisch erklärt: "Hier ist alles schmutzig, alles teuer, und sie werden nirgendwo eine richtige Karbonade bekommen", und schon verteidigte ich Irland, obwohl ich erst zehn Stunden im Lande war, zehn Stunden, von denen ich fünf geschlafen, eine gebadet hatte, eine in der Kirche gewesen war, eine mich mit dem Landsmann stritt, der ein halbes Jahr gegen meine zehn Stunden setzte. Ich verteidigte Irland leidenschaftlich, kämpfte mit Tee, Tantum ergo, Joyce und Yeats gegen die Karbonade, die für mich um so gefährlicher war, als ich sie gar nicht kannte..." Aber auch in der Ferne wird Böll immer wieder von der deutschen Vergangenheit eingeholt. In Irland wird er zu einem "ambulanten politischen Zahnarzt", wie er sich selbst in einer Kapitelüberschrift bezeichnet. "Wir tranken, und erst nach dem sechsten Glas Bier fand Padraic den Mut, mich zu fragen, was er mich schon lange hatte fragen wollen. "Sag mal", sagte er leise, "Hitler - war - glaube ich - kein so schlechter Mann, nur ging er - so glaube ich - ein wenig zu weit." Meine Frau nickte mir ermutigend zu: "Los", sagte sie leise auf deutsch, "nicht müde werden, zieh ihm den Zahn ganz." "Ich bin kein Zahnarzt", sagte ich leise zu meiner Frau, "und ich habe keine Lust mehr, abends in die Bar zu gehen: immer muß ich Zähne ziehen, immer dieselben, ich habe das satt." Das "Irische Tagebuch" erscheint 1957 als Vorabdruck in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", dann im Verlag "Kiepenheuer & Witsch" und erreicht später als dtv-Taschenbuch Millionenauflagen. Drei Jahre nach seinem ersten Irland-Besuch kauft Böll das kleine Cottage in Dugort. Er wird zu einem angesehenen Mitbürger - obgleich in den entlegenen Regionen Mayos sogar die Nachfahren der »Einwanderer« aus Dublin Außenseiter bleiben. Das Ansehen, welches der Autor genießt, beruht nicht auf seiner schriftstellerischen Tätigkeit, sondern liegt in seiner ruhigen Freundlichkeit und Wärme, die er seinen irischen Mitbürgern entgegenbringt. Im Haus steht heute noch sein Schreibtisch - eine Holzplatte auf zwei Böcken - und ein Holzstuhl. Einige der Romane sind hier entstanden. Heinrich Böll hat später immer gesagt, in Dugort habe er am besten arbeiten können; auch wenn der erste Besuch auf der Insel für den Schriftsteller seinerzeit mit einem apokalyptischen Vorzeichen begonnen hatte: Beim ersten Gang an Land hatte der Gepäckträger Bölls Schreibmaschine fallenlassen, dieser berichtet darüber später in einem Brief an die Familie. Das Haus des Autors beherbergt heute den »Böll-Cottage-Verein«, der von der deutschen »Heinrich Böll Stiftung« in Zusammenarbeit mit einem irischen Trägerverein ins Leben gerufen wurde. Das Cottage ist Begegnungsstätte für Künstler unterschiedlicher Ausdrucksrichtungen. Die Stiftung vergibt Aufenthaltsstipendien an Schriftsteller und Künstler, die auf diese Weise eine Zeit in Irland verbringen können. Anfang September wird sich entscheiden, welcher deutsche Stipendiat im Herbst zu Gast in Dugort sein wird. Am Fuße des Mount Slievemore erwartet die Bewohner des Hauses ein einfaches Leben: Ein Torffeuer im Kamin. Viel Regen, aber ein mildes Klima. Im Dorf ist die Erinnerung an den Schriftsteller vom Kontinent lebendig. Der Friseur aus dem Nachbarort Keel hat den Böll-Kindern immer die Haare geschnitten. Sogar Ted Lavalle, Tankwart der Insel, empfindet tiefen Respekt für den deutschen Autor - auch wenn sich ihre Konversation nur auf "Volltanken, Ted! " beschränkte. "He was a noble man", sagt Ted heute. Mr. Gallagher war derjenige, der Böll bei dessen ersten Besuch auf Achill Island ein Haus vermietete - und später ein Freund wurde. Mrs. McDowell betreibt eine kleine Pension in Dugort und serviert angeblich das beste Frühstück in der ganzen Gegend. Auch ihr ist die Familie Böll noch gegenwärtig. Viele der Dorfbewohner sind heute stolze Mitglieder im "Böll-Cottage-Verein"; einige haben sogar als literarische Gestalten Eingang in das "Irische Tagebuch" gefunden: So ist Mrs. King die Witwe des Mannes, der als Inselarzt beschrieben wird. Sie kann sich gut an den deutschen Schriftsteller erinnern: "Er war ein großartiger Mann, aber ziemlich arm, damals Anfang der 50er Jahre. Er kam immer wieder, und wir haben bald gemerkt, daß er unsere Insel und die Menschen liebte." Den Arzt hatte Böll bei seiner Ankunft nach Wohnmöglichkeiten auf der Insel gefragt. Ein literarisches Denkmal setzte Böll dem Arztehepaar im Kapitel "Die schönsten Füße der Welt". Er beschreibt die junge Frau des Inselarztes, die in einer stürmischen Nacht auf die Rückkehr ihres Mannes wartet. Erst in den Morgenstunden kommt der Arzt zurück - während seine Frau die Nacht über am glimmenden Torffeuer gewartet hat. Als Lohn für seine Hilfe bei einer Geburt hat er einen riesigen Kupferkessel erhalten, der von der Armada stammen soll. Das mit dem Kupferkessel habe er sich poetischerweise ausgedacht, sagt Mrs. King, aber die anderen Einzelheiten stimmten. Man könne alles wie auf einer Karte wiederfinden. Böll habe sie nicht nach der Geschichte gefragt. Auch habe sie erst später begriffen, daß sie im Buch vorkomme. In der Nähe von Dugort befindet sich ein verlassenes Dorf, das Böll in seinem Buch beschreibt. Bezeichnenderweise auf den Seiten 39-45 schildert er das "Skelett einer menschlichen Siedlung", die auch heute noch unangetastet liegt. Die verlassenen Wohnstätten symbolisieren die versteinerte Hoffnung auf Rückkehr der einstigen Bewohner und bezeugen die Fähigkeit zu ehrfürchtigem Warten und zu Geduld. Zeit erscheint als ein unteilbares Kontinuum und wird als Maßstab bedeutungslos. In anderen Zusammen-hängen hat die »irische Zeitlosigkeit« auch amüsante Begleiterscheinungen. "Wir tranken, und immer noch standen die Uhrzeiger, wie sie schon vor drei Wochen standen: auf halb elf. Und sie würden noch vier Monate lang auf halb elf stehen. Halb elf ist die Polizeistunde für ländliche Kneipen in der Sommerzeit, aber die Touristen, die Fremden liberalisieren die starre Zeit. Wenn der Sommer kommt, suchen die Wirte ihren Schraubenzieher, ein paar Schrauben und fixieren die beiden Zeiger; manche auch kaufen sich Spielzeuguhren mit hölzernen Zeigern, die man festnageln kann. So steht die Zeit still, und Ströme dunklen Biers fließen den ganzen Sommer hindurch, Tag und Nacht, während die Polizisten den Schlaf der Gerechten schlafen." "Wenn es regnet, kann das Land schlafen", sagen die Menschen hier. Das "fallende Wasser" ist im Nordwesten Irlands ein täglicher Begleiter, um den man sich sorgt, wenn er einmal ausbleibt. " (...) wieviel Wasser sammelt sich über viertausend Kilometern Ozean, Wasser, das sich freut, endlich Menschen, endlich Häuser, endlich festes Land erreicht zu haben, nachdem es so lange nur ins Wasser, nur ins sich selbst fiel." "Wenn dir das Wetter nicht gefällt", beruhigen die Leute den Fremden, "dann warte einfach fünf Minuten, dann kommt ein anderes." Das Dugort Bölls hat sich sehr verändert, das Kino - vom Autor als ein Ort kontemplativer Ruhe bezeichnet - existiert nicht mehr, an seinem Platz stehen heute Supermärkte und Spielhallen. In den Pubs plärren Fernseher, und es riecht nach gebackenen fish `n´ chips. Beim Gang durch die Straßen begegnet uns Bölls Metapher von der Zeit, die ohne Sentimentalität und Ansehen der Dinge "geduldig über alles hinweg-träufelt". Die Provinz Mayo, zu der Achill Island gehört, wirkt heute verlassen und menschenleer. Das Landschaftsbild bestimmen Torffelder. Das weiche Fleisch der Erde leuchtet in allen Farben: Dunkelbraun, rotbraun, schwarz und manchmal grünlich schimmernd. "Nun haben die Iren eine merkwürdige Gewohnheit wenn der Name »Mayo« genannt wird (es sei lobend, tadelnd oder unverbindlich) sobald nur das Wort »Mayo« fällt, fügen die Iren hinzu: "God help us!" Es klingt wie die Antwort in einer Litanei: "Herr erbarme dich unser!" Doch wie kaum ein anderes Volk haben die Iren ihr "It could be worse - es könnte ja noch schlimmer sein." verinnerlicht. Mit solch angeborenem, stoischen Langmut wird die Sicht auf die Dinge entspannter, nie passiert das Äußerste, immer noch bleibt der beruhigte Blick auf das Vollbild der Katastrophe, der man durch Glück entgangen ist. Vielen bleibt trotzdem nur der Weg in die Ferne: In den vergangenen 5 Jahren haben ca. 75.000 Menschen das Land verlassen. Rezession, Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung: Irland ist eines der ärmsten Länder Europas. Der ewige Strom der Emigranten trägt auf seine Weise zu einem Exodus bei. Die meisten Auswanderer verlassen Irland mit dem Schiff, die letzte Station ist der Hafen von Dunn Laoghaire. "Winken, in die Einöde hinein, das kleine weiße Haus im Moor, Tränen mit Rotz gemischt, am Laden vorbei, an der Kneipe, in der Vater abends seinen halben Liter trank; vorbei an der Schule, an der Kirche - ein Kreuzzeichen, auch der Busfahrer macht eins -, der Bus .hält, neue Tränen, neuer Abschied; ach Michael geht auch weg, und Sheila geht; Tränen, Tränen (...)". Böll kommt in den folgenden Jahren immer wieder nach Irland, um sich zu erholen und in Ruhe zu schreiben. Erst zwei Jahre vor seinem Tod zieht er sich aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit, aber auch wegen der vielen Besucher, die in "sein" Dorf kommen, aus Irland zurück. Er mag auch nicht mehr über das Land schreiben, da er meint, seine Unschuld verloren zu haben: "Es ist nicht gut für einen Autor, über einen Gegenstand zu schreiben, den er zu sehr mag." Böll stirbt am 16.7.1985 nahe seiner Heimatstadt Köln. © HANFGARN & UFER Film- u. TV-Produktion Berlin 1995 Zitate aus: Heinrich Böll; "Irisches Tagebuch"; Köln, Berlin 1957

Stab

Angaben zum Stab
Regie Wibke Kämpfer
Kamera Michael Schehl
Schnitt Michael Schehl
Ton Franz Kozmus
Kurzinfo Wibke Kämpfer
Redaktion Frauke Sandig
Produktion Gunter Hanfgarn
Sender Deutsche Welle TV
Mitwirkende Hugo Hamilton, René Böll

Trailer