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Galionsfigurenschnitzer

Deutschland | 2006 | Dokumentarfilm | 30 min | DVCPro25 16:9

Kurzinfo

Auf Harriersand, einer Insel in der Weser, leben die letzten Galionsfigurenschnitzer Europas.

Synopsis

Sonnenstrahlen tanzen über die Wasseroberfläche. Sanft umspülen kleine Wellen feinkörnigen Sandstrand. Motorenaufheulen durch- schneidet die Stille. Kreischend frisst sich eine Kettensäge in den massiven Stamm einer Eiche. Immer wieder. Holzkeile fallen krachend zu Boden, Späne wirbeln durch die Luft. Dann wieder Stille. Claus Hartmann gönnt sich und seiner Säge eine Pause, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Schweigend begutachtet er den Holzblock, dem er soeben mit großer Kraft-anstrengung eine grobe Form abgerungen hat. Er scheint zufrieden. Seine achtjährige Tochter unterbricht ihr Sandburgenbauen, gemeinsam betrachten sie Papas Werk. Wir sind auf Harriersand, mit immerhin sechs Quadratkilometern Deutschlands größte Flussinsel. Ganze 75 Menschen leben auf dem dicht bewaldeten Weser-Eiland, Claus und Birgit Hartmann sind zwei von ihnen. Gemeinsam mit ihren zwei Kindern bewohnen sie hier, nur ein paar Meter vom Strand entfernt, ein behagliches, uraltes Bauernhaus. Darin befindet sich auch ihr riesiges Atelier - angefüllt mit Werkzeug aller Art, mit Entwürfen, Skulpturen aus Holz und Metall in den unterschiedlichsten Entwicklungsstadien und vor allem in den unterschiedlichsten Größen. Denn die Hartmanns sind nicht nur maritime Bildhauer, sondern vor allem Galionsfigurenschnitzer. Und sie gehören weltweit zu den letzten ihrer Art. Ursprünglich sollten die hölzernen Galionsfiguren Schiffe vor Gefahren und bösen Geistern schützen. Sie wurden geschaffen, um die Götter günstig zu stimmen – aber auch, um feindlichen Seefahrern Furcht einzuflößen. Daher ließen sich die führenden Seefahrer-nationen ihre Herstellung einiges kosten und verpflichteten nur die namhaftesten Künstler der Zeit. Noch heute ziehen die Figuren Betrachter in ihren Bann, sind sie doch Zeugnis einer mythenumwobenen Welt. Da wundert es kaum, dass diese alte Tradition eine Renaissance erlebt und immer mehr Kapitäne für ihren schiffbaren Untersatz solch ein schmückendes Kunstwerk wollen. Und was passiert eigentlich, wenn ein Schiff seine Galionsfigur immer wieder verliert? Die bereits erwähnte Gorch Fock ist solch ein „Sorgenkind“. Viermal schon erhielt das Schulschiff der Marine einen neuen Albatros – der alte war zuvor jedes Mal vom Bug abgebrochen und in den Tiefen des Ozeans versunken. Für Claus Hartmann liegt das Problem auf der Hand. Bauweise und Form der Figur seien für ein Schiff, das wie die Gorch Fock bei Wind und Wetter durch die Welt segelt, einfach nicht geeignet. Die Hartmanns haben der Marine schon mehrmals ein neues, wind- und wellentaugliches Modell vorgeschlagen, bisher ohne Erfolg. Ein wenig ärgern sich Birgit und Claus ob soviel Sturheit, außerdem können sie sich vor Arbeit ohnehin kaum retten. Denn außer ihnen gibt es auf der ganzen Welt keinen Betrieb, der sich voll und ganz auf das Galionsfigurenschnitzen spezialisiert hat. Und so kommt die weite Welt in Gestalt von zahllosen Anfragen zu ihnen nach Harriersand. Vom ungehobelten Holzklotz zur majestätischen Galionsfigur dauert es mindestens zwei Monate, anstrengende Wochen für die Hartmanns. Ist nach oft langen Diskussionen mit dem Kunden endlich klar, wie die Figur aussehen und aus welchem Material sie beschaffen sein soll, zeichnet Birgit als gelernte Grafikdesignerin die großen Umrisse auf. Claus erledigt mit der Benzinsäge die kraftraubende Vorarbeit am Holz, dann kommen kleine, feinere Kettensägen zum Einsatz. In dieser Arbeitsphase wird er bereits unterstützt von seiner zierlichen Frau, die mit dem Gerät ebenso virtuos wie er selbst um das Stück Holz herumwirbelt. Wie Claus hat sie sich das Schnitzen selbst beigebracht. Am Anfang fertigte sie für ihren Mann nur die Zeichnungen an. Schon bald gerieten sich beide allerdings in der Frage der kreativen Ausführung in die Haare, und Claus’ Aufforderung „mach doch selber“ ließ sie sich nicht zweimal sagen. Mittlerweile hat Birgit alle weiblichen Galionsfiguren unter ihre Fittiche genommen – die weibliche Intuition in Sachen weiblicher Formen sei eben einfach besser. Gut vier Wochen vergehen, bis die Figur eine grobe Form annimmt. Mit einer Schleifmaschine wird nun die raue Oberfläche geglättet, dann beginnt die Feinarbeit. Liebevoll arbeiten die beiden mit kleinen Schnitzmessern jedes einzelne Detail heraus und können sich schon einmal eine ganze Woche nur mit dem linken Auge beschäftigen. Diese Feinarbeiten dauern noch einmal einige Wochen, bis dann die undankbarste Aufgabe beginnt: das Schleifen. Schließlich noch Farbbau und Lackierung, und das Werk ist vollbracht. Dann folgt die nicht immer ungefährliche Montage. Mit sechs Mann und schwerem Gerät wird die Galionsfigur zunächst in die Höhe gehievt und dann am Bug ihres zukünftigen „Mutterschiffs“ befestigt. Die Hartmanns sind bei dieser letzten Aktion immer dabei, um ihre Figur nach einer abschließenden Überprüfung nicht ohne Stolz in die weite Welt der Ozeane zu entlassen. Mit ihrem nächsten Projekt haben die beiden das große Los gezogen: Das legendäre russische Segelschulschiff MIR soll eine Galionsfigur erhalten, und die Hartmanns sind mit deren Fertigung beauftrag worden. Als Motiv haben sie bereits die Gestalt des römischen Gottes Merkur (griech. Hermes) entwickelt, den Gott der Handelnden und Kaufleute. Wenn es wieder wärmer wird, heißt es dann, diesen Entwurf in hölzerne Formen zu bringen. Eine neue Herausforderung.

Stab

Angaben zum Stab
Regie Maren Rosengarten u. Andrea Ufer
Kamera Ralf Ilgenfritz und René Kirschey
Schnitt Ralf Ilgenfritz
Ton Matthias Kreitschmann
Kurzinfo Maren Rossengarten
Redaktion Andrea Brandis
Produktionsleisuntg Andrea Ufer
Produktion Andrea Ufer, Gunter Hanfgarn
Sender ZDF/Arte