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Little Big Brothers

Schweiz / Deutschland | 2011 | Dokumentarfilm | 60 min | 3

Kurzinfo

Synopsis

Little Big Brothers

Der missglückte Anschlag in Stockholm, der verhinderte in Kopenhagen und die Gefahrenwarnung für Deutschland seit November. Es war bei der Berichterstattung über das Silvesterfest am Brandenburger Tor, die von allen gestellte Frage: wie sicher fühlen Sie sich? Rote, grüne und gelbe Punkte in einem Stadtplan von Berlin auf einem Computer-Bildschirm. Die Punkte sind Taxis unterwegs in der Stadt, der Rechner der Daten aufzeichnet, steht in Berlin-Adlershof. Was erinnern wir von der WM in Deutschland? Ein Sommermärchen? Dass es dies war, hatte sehr viel damit zu tun, dass im Vorfeld und während des Ereignisses – quasi unsichtbar – eine zweite Wirklichkeit existierte, basierend auf einem Verkehrs- und Sicherheitskonzept aus Adlershof. Anhand der Modelle der Forscher sehen wir z.B. die WM noch einmal, mit anderem Blick. Auch bei der WM in Südafrika waren die Fachleute aus Adlershof. Martin Heinrich Ruhé forscht am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) über die „nachhaltige Entwicklung der Megastädte von morgen“. Arbeitsschwerpunkte sind zukunftweisende Ansätze in der Verkehrsplanung und Metrasys – Sustainable Mobility for Megacities – die Entwicklung von Verkehrssteuerungszentralen nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ein Flug mit einem Polizeihubschrauber der Verkehrsüberwachung über Autobahnen und Schienenstränge, Menschen in Einkaufsstraßen und auf Plätzen. Ob Weltmeisterschaft, Marathonlauf oder Straßenfest, aus einem Helikopter oder vom Satelliten aus betrachtet, sind es Bewegungsströme, die berechnet werden können. Wenn das System diese Ströme erkennen und ihre Entwicklung „vorhersagen“ kann, was kann es noch? Lassen sich unsere Wege durch die Stadt, unser Verhalten vorherbestimmen? England ist seit Jahrzehnten einer der Vorreiter in puncto Überwachung des öffentlichen Raums. Der etwas angejahrte Witz über den Mann, dem in einer öffentlichen Toilette durch eine Klappe in der Wand eine frische Papierrolle gereicht wird, noch bevor er selbst bemerkt hat, daß es kein Papier mehr gibt – längst Legende. Heute heisst das Service und nicht mehr Überwachung. Die umtriebigen Forscher aus Adlershof exportieren ihr Wissen weltweit. Abnehmer sind die neuen, in rasender Geschwindigkeit wachsenden Städte Chinas, die Lösungen suchen, um sowohl den Straßenverkehr, als auch den Zuzug der Landbevölkerung in den Griff zu bekommen. Global, regional, lokal, in unserem Alltag gehört dies alles zusammen, ist gefühlsmaÅNssig eins. Die jungen Familien in einer Nachbarschaft im Prenzlauer Berg oder Friedrichshain erleben Stadt und Umland und arbeiten selbstverständlich mit kreativen Ideen, weltweit über das Internet. Touristen beim Mahnmal für die ermordeten Juden Europas und nur über die Straße, die amerikanische Botschaft. Auf den ersten Blick: nichts zu sehen und doch höchste Sicherheitsstufe. Etwas weiter, bei der Britischen Botschaft ist es sichtbarer: Metallpoller, die Durchfahrt der Wilhelmstraße gesperrt. Und überall Kameras. Sicherheit geht vor Mobilität. Berlin wurde architektonisch innerhalb kürzester Zeit wieder zur Hauptstadt, mit einem funktionierenden Regierungsviertel und, mit den Problemen einer internationalen Metropole. Denn ebenso schnell musste sich die Stadt, was die Ebene der Sicherheit betrifft, dem internationalen Standard anpassen. Menschen auf dem Potsdamer Platz, dem Marlene-Dietrich-Platz, in den Einkaufspassagen. Nicht nur in der Verkehrsleitzentrale der Polizei werden Straßen und Plätze „monitorgesehen“. Und nicht alle Straßen und Plätze um das Sony-Center sind öffentlich, gehören zu „freien Stadt“. Berlin im Vergleich zu London, Zürich, als Teil der Stadt-Welten. Diese Entwicklung ist global und lokal. Gerade jetzt, da das Innenministerium schon mit Lautsprecherdurchsagen in S- und U-Bahn zur Wachsamkeit mahnt, und der 10. Jahrestag von 9/11 ansteht, stellt sich die Frage: wie viel Sicherheit brauche ich und wie viel Freiheit bin ich bereit dafür zu geben? Beruhigen die Bundespolizisten mit ihren Maschinenpistolen im Hauptbahnhof wirklich? Oder machen sie uns die Gefahr erst bewusst? Sind sie state of art oder nur schmückender Teil einer antiquierten Sicherheits-Deko. Und: wieviel Privatsphäre opfert ein Bewohner der Gated Community in Potsdam? Die Forscher im DLR sagen: Sicherheit wird heute anders gemacht. Menschen auf der Museumsinsel, im Lustgarten, in Bussen oder U-Bahnen, in Kaufhäusern. Menschen- und Warenströme hinterlassen elektronische Spuren. Die heutigen Smartphones sind schon jetzt ausgelagerte Sinnesorgane mit weit mehr Kapazitäten als simplen Navi- und Ortungsfunktionen. Auf Wunsch gibt es bereits heute gezielte Werbebotschaften für technikfixierte Flaneure. Wer die Funktionen abschaltet, macht sich möglicherweise in wenigen Jahren verdächtig. Der permanente Datenfluß als freudiges elektronisches Schwanzwedeln und Beweis der eigenen Lauterkeit? Ausgelesene Daten als unsichtbare Zugangsberechtigung? Die Forscher am DLR sind sind sich der Verantwortung ihrer Arbeit bewusst, doch gleichzeitig steigt das Sicherheitsbedürfnis der Menschen in den Städten. Sicher ist: Wenn sich reale und digitale Ströme verbinden, wird etwas sichtbar, was wir im Alltag so nicht wahrnehmen. Der Film zeigt die sich verändernden Facetten des Lebens in der Stadt beispielhaft an Berlin, London, Paris und Zürich. London ist dabei der Spiegel, da viele der neuen technischen Entwicklungen dort ihren Ursprung hatten und sich Berlin in vielem an der britischen Metropole orientiert. Für den Zuschauer wird regelrecht spürbar, warum wir vieles „übersehen“ und wann wir uns sicher fühlen, ohne darüber nachzudenken. Sinnlich erfahrbar wird so auch die zerbrechliche Balance zwischen unserem Bedürfnis nach Sicherheit und dem Wunsch nach Freiheit.

Stab

Angaben zum Stab
Regie Dagmar Brendecke und Walter Brun
Kamera Claus Judeich et al
Schnitt N.N.
Ton Gert Ehemann et al
Kurzinfo Walter Brun und Dagmar Brendecke
Redaktion SF (CH) und rbb (D)
Produktionsleisuntg Anna Fanzun und Gunter Hanfgarn
Produktion Container TV, Bern (Jürg Neuenschwander)
Coproduktion HANFGARN & UFER
Förderer Berner Filmförderung